Deutscher Name: Kriecherl, Hafer-Pflaume, Kriechen-Pflaume
Botanisch: Prunus insititia, häufig auch Prunus domestica subsp. insititia
Familie: Rosengewächse
Altes, robustes Wildobstgehölz | wertvolle Bienen- und Raupenfutterpflanze | schmackhafte, essbare Früchte
Höhe: ca. 3 – 6 (7) m
Breite: ca. 2 – 4 m, durch Wurzelausläufer mitunter deutlich breiter
Wuchs: Großstrauch oder kleiner Baum, aufrecht, dicht bis sparrig verzweigt, teilweise bedornt; bildet Wurzelausläufer und kann mit der Zeit kleine Gebüsche entwickeln, Wurzelausläufer können auch entfernt werden, wenn eine eher baumförmige Gestalt angestrebt wird
Blütezeit: April – Mai
Blüte: weiß, einfach, typische kleine Pflaumenblüten
Frucht: kleine, rundliche Pflaumen; je nach Herkunft blauviolett, dunkelblau, rot, gelb oder grüngelb; mannigfaltige Farbausprägung
Reifezeit: etwa August – September, bei manchen Typen später
Blatt: sommergrün, oval bis elliptisch, fein gesägt
Wurzel: Herzwurzler, bildet Wurzelausläufer
Standort: Sonne – Halbschatten; für besonders aromatische und süße Früchte möglichst sonnig
Boden: bevorzugt nährstoffreiche, humose, tiefgründige und eher lehmige Böden, frisch bis mäßig feucht und gut durchlässig; insgesamt robust und anpassungsfähig
Das Kriecherl gehört zu den alten Kleinpflaumen Mitteleuropas und ist ausgesprochen vielgestaltig. Je nach Region und Typ unterscheiden sich Fruchtfarbe, Größe, Reifezeit und Geschmack erheblich. In Österreich haben sich zahlreiche regionale Formen erhalten, darunter das bekannte Waldviertler Hochlandkriecherl. Das Gehölz ist frosthart, schnittverträglich und kommt auch mit raueren Lagen gut zurecht. Besonders wohl fühlt es sich auf nährstoffreichen, lehmigen Böden in sonniger bis halbschattiger Lage. Am Naturstandort beziehungsweise verwildert findet man Kriecherln unter anderem in Hecken, Gebüschen, an Waldrändern, Böschungen und alten Obststandorten.
Die Früchte sind meist nur etwa 2 – 3 cm groß, rundlich und deutlich kleiner als klassische Zwetschken. Je nach Typ können sie gelb, grüngelb, rot, violett bis fast schwarzblau gefärbt sein.
Geschmacklich sind gute Kriecherln ein hervorragendes Wildobst: saftig, süßsäuerlich und ausgesprochen aromatisch, häufig mit einer feinen herben Note. Vollreife und gut besonnte Früchte entwickeln deutlich mehr Süße; unreife Früchte können aufgrund ihres höheren Gerbstoffgehaltes noch herb und zusammenziehend schmecken. Das weiche Fruchtfleisch löst sich ungern vom Stein.
Die große geschmackliche Vielfalt macht gerade den Reiz dieser alten Kleinpflaumen aus. Manche Formen sind frisch vom Baum ausgesprochen wohlschmeckend, andere entfalten ihre Qualität erst bei der Verarbeitung.
Ideal als Wildobstgehölz, kleiner Obstbaum, Solitär, für Streuobstwiesen sowie als Bestandteil einer lockeren Wildobst- oder Naturhecke. Besonders passend in naturnahen und ländlichen Gärten, in denen nicht nur der Fruchtertrag, sondern auch Blüte, Tierwelt und natürliche Entwicklung des Gehölzes erwünscht sind.
Durch die Bildung von Wurzelausläufern kann das Kriecherl mit den Jahren breiter werden und kleine Bestände bilden. Wo das unerwünscht ist, werden die Schösslinge einfach regelmäßig abgestochen. Wo ausreichend Platz vorhanden ist, kann man diese Eigenschaft dagegen bewusst nutzen, um eine dichte Wildobsthecke entstehen zu lassen.
Vollreife Früchte können direkt vom Baum gegessen werden. Besonders gut eignen sie sich für Marmelade, Mus, Gelee, Kompott, Saft, Sirup und Most. Traditionell werden Kriecherln außerdem zu Likör und hochwertigen Obstbränden verarbeitet.
Gerade für Marmeladen und Fruchtaufstriche sind die kleinen aromatischen Früchte interessant: Säure, Süße und das charakteristische Pflaumenaroma ergeben einen wesentlich kräftigeren Geschmack als bei vielen modernen, großfrüchtigen Pflaumensorten.
In Österreich besitzt das Kriecherl eine lange Tradition als Brennobst. Beim Steirischen Kriecherl wird ein feines Zusammenspiel aus Süße und herber Säure beschrieben. Weil sich das Fruchtfleisch schlecht vom Stein löst, wurden die Früchte traditionell samt Stein eingemaischt.
Ökologisch sehr wertvolles Wildobstgehölz.
Die zahlreichen, weißen Blüten erscheinen bereits im zeitigen Frühjahr und stellen Wildbienen, Hummeln, Honigbienen, Schwebfliegen und anderen Blütenbesuchern Nektar und Pollen zur Verfügung.
Nach naturaDB werden 46 Wildbienenarten an der Hafer-Pflaume geführt. Noch bemerkenswerter ist ihre Bedeutung als Raupenfutterpflanze: 38 Schmetterlingsraupenarten nutzen das Gehölz. Hinzu kommen Schwebfliegen und Käfer.
Die Früchte werden von zahlreichen Vögeln und Säugetieren gefressen. Dicht verzweigte, teilweise bedornte und durch Wurzelausläufer entstandene Bestände bieten zusätzlich Deckung, Rückzugsraum und geeignete Strukturen für Nistplätze.
Damit verbindet das Kriecherl einen hohen Nutzwert für den Menschen mit einem ausgesprochen guten ökologischen Wert.
Pflegetipps:
Ein sonniger Standort fördert Blütenansatz, Fruchtreife, Süße und Aroma. Auf guten, frischen Lehmböden benötigt das robuste Gehölz kaum Pflege. Junge Pflanzen in längeren Trockenperioden wässern und in den ersten Jahren den unmittelbaren Stammbereich von zu üppiger Vegetation befreien.
Wurzelausläufer je nach gewünschter Entwicklung stehen lassen oder regelmäßig entfernen. Ansonsten sind regelmäßige starke Schnittmaßnahmen nicht notwendig.
Wissenswertes
Das Kriecherl ist keine einheitliche moderne Obstsorte, sondern Teil eines ausgesprochen vielfältigen Formenkreises alter Kleinpflaumen. Über Jahrhunderte wurden regional besonders gute Pflanzen durch Samen, Wurzelausläufer und teilweise Veredelung erhalten. Dadurch entstanden zahlreiche lokale Typen mit unterschiedlich gefärbten und unterschiedlich schmeckenden Früchten.
Gerade diese Vielfalt macht Prunus insititia heute für Naturgärten und die Erhaltung alter Obstgenetik interessant: Man erhält kein auf maximalen Fruchtdurchmesser gezüchtetes modernes Obstgehölz, sondern ein robustes Stück alter mitteleuropäischer Obstkultur.
Wissenswertes: Prunus insititia gehört zu einem außerordentlich formenreichen alten Pflaumenkomplex. Untersuchungen der BOKU Wien zeigen eine beträchtliche Vielfalt innerhalb dieses Formenkreises.
Skurriles: Die Farbpalette der Früchte ist erstaunlich: Obwohl viele Menschen bei Kriecherln an blaue kleine Pflaumen denken, können Früchte desselben Formenkreises violett, rot, gelb oder grünlich sein. Auch geschmacklich reicht die Bandbreite von recht herb bis ausgesprochen süß. Ein weiteres Kuriosum ist die enorme Zahl regionaler Namen; in Niederösterreich werden unter anderem Bezeichnungen wie Bockshose, Ziberl, Bidling und Papsteier überliefert.
Geschichtlich Interessantes: Die Kriechen-Pflaume begleitet den Menschen in Mitteleuropa seit sehr langer Zeit. Archäobotanische Funde von Steinkernen, die dem Kriechen-Pflaumen-Komplex zugerechnet werden, reichen bis in die Jungsteinzeit zurück; aus dem jungsteinzeitlichen Dorf Ehrenstein bei Ulm sind sehr alte Kriechen-Steinkerne bekannt. Auch aus Thunau am Kamp in Niederösterreich liegen historische Steinobstfunde vor. Die lange Kulturgeschichte erklärt mit, warum heute oft kaum sicher entschieden werden kann, ob ein Bestand ursprünglich wild, seit Jahrhunderten kultiviert oder aus alter Kultur verwildert ist.
Quellenangabe: Wikipedia „Kriechen-Pflaume“; naturaDB „Hafer-Pflaume – Prunus domestica subsp. insititia“; Info Flora/Flora Helvetica; FloraWeb des Bundesamtes für Naturschutz; Kew Science – Plants of the World Online; Enzyklopädie der Wildobst- und seltenen Obstarten (Helmut Pirc, Leopold Stocker Verlag), Wikipedia; ergänzend naturaDB, FloraWeb, Info Flora/Flora Helvetica, österreichische floristische Fachliteratur, Kew Science – Plants of the World Online, World Flora Online, BOKU Wien und wissenschaftliche Fachliteratur zu Prunus domestica subsp. insititia.
World Flora Online; Flora von Österreich beziehungsweise österreichische floristische Fachliteratur; Botanischer Garten Frankfurt; BOKU Wien, Gabriele Eder: „Untersuchung des Waldviertler Kriecherls (Prunus domestica subsp. insititia) anhand von phänotypischen Merkmalen“; Regionale Gehölzvermehrung Niederösterreich; ergänzend wissenschaftliche Fachliteratur zu Inhaltsstoffen und Ökologie. Besonders bei Herkunft und Indigenat wurden unterschiedliche taxonomische Auffassungen ausdrücklich berücksichtigt, da Kew Prunus insititia aktuell als eigenständige, in Teilen Mitteleuropas heimische Art akzeptiert, während Info Flora das entsprechende Taxon als Prunus domestica subsp. insititia und in der Schweiz als Neophyten führt.
Hinweis zu medizinischen Inhalten und Wirkungsweisen:
Die hier vorgestellten Inhalte geben lediglich einen Überblick über die medizinische Nutzung. Sie stellen keine Empfehlung zur Anwendung dar. Bitte suchen Sie daher immer das Gespräch mit einem Arzt oder Apotheker.
Alle Angaben zu Verwendung, Kulinarik oder vermuteter Heilwirkung gelten ohne Gewähr. Die Angaben dazu haben lediglich informativen Charakter und sollen den Leser keinesfalls zur Selbstmedikation anregen, sondern einen Überblick über den momentanen Wissensstand geben.
Eine Haftung hinsichtlich der Verwendung ist ausgeschlossen.



